Voices of Resilience: Exploring Agency in Contemporary Slavic Poetry
Das Projekt Voices of Resilience befasst sich mit der Untersuchung von Agency und Resilienz in zeitgenössischer Lyrik aus der Ukraine, Belarus, Polen und Bosnien.
Voices of Resilience: Exploring Agency in Contemporary Slavic Poetry
Das von der Gerda Henkel Stiftung geförderte Projekt Voices of Resilience: Exploring Agency in Contemporary Slavic Poetry untersucht die Konstruktion von Agency in zeitgenössischer slawischer Lyrik, insbesondere im Kontext von Flucht, Vertreibung und Kriegserfahrungen.
Vor dem Hintergrund der russischen Invasion 2022 sowie der bereits 2014 einsetzenden Kriegsereignisse zeigten die Menschen in der Ukraine ein beispielloses Maß an Agency und Subjektivität, die auch literarisch verhandelt werden. Das Projekt analysiert, wie lyrische Subjekte in Gedichten Handlungsfähigkeit artikulieren und wie poetische Praktiken Resilienz unter extremen Bedingungen fördern. Ein besonderes Augenmerk liegt auf weiblichen oder weiblich konnotierten poetischen Figuren, da viele der durch Krieg und Gewalt Vertriebenen Frauen sind, deren Schreiben, Sprechen und literarisches Handeln als spezifische Form von Agency analysiert werden kann.
Ergänzend wird ein komparativer Ansatz verfolgt, der Erfahrungen von Vertreibung in der Lyrik aus Belarus, Polen und Bosnien untersucht, um ein differenziertes Bild von Agency und Resilienz im Kontext der slawischen Literaturen zu gewinnen.
Im Projekt arbeiten die Slawistinnen Mariya Donska (Projektleitung, Post-Doc), Julia Jahn (Doktorandin) und Anna Gierlinger (studentische Mitarbeiterin).
RUTA Annual Conference 2026 – Rooted Knowledges and Dialogues for Change
Vom 12. bis 15. Juli 2026 haben wir Užhorod in Transkarpatien die RUTA Annual Conference unter dem Titel „Rooted knowledges and dialogues for change“ besucht. Die Konferenz versammelte Wissenschaftler:innen, Künstler:innen und Aktivist:innen aus verschiedenen Disziplinen und Regionen, um die Bedeutung von ortsgebundenem Wissen, verkörperter Erfahrung und transregionalem Dialog für gesellschaftlichen Wandel zu diskutieren. Im Rahmen der Konferenz präsentierte Dr. Mariya Donska (Universität Graz) einen Vortrag zum Thema „Embodied Grass: (Re)Imagined Communities in Liubov Iakymchuk’s Abrykosy Donbasu“. Der Gedichtzyklus Abrykosy Donbasu (Aprikosen des Donbas), erstmals 2015 veröffentlicht, hinterfragt die gängige Assoziation der Donbas-Region mit Kohle und Industrie und entwirft stattdessen ein Bild des Donbas als von Natur, insbesondere Aprikosenbäumen, Steppe, terykony (Bergehalden), Federgras und anderen Pflanzen, geprägten Raums. Der Name Donbas ist an sich ökonomisch und industriell geprägt und wird mittlerweile kritisiert, wobei stärker der Begriff des ‚ukrainischen Ostens‘ oder die Namen der Regionen Doneččyna und Luhanščyna Verbreitung findet. Iakymchukkonzipiert den Donbas neu als verflochtenen Raum, in dem Natur, menschliche Körper, soziale Praktiken und Technologie eng miteinander verbunden sind. Kohle erscheint als über Jahrmillionen verdichtetes Gras und wird – ebenso wie das Gras selbst – metonymisch mit den Körpern der Menschen, ihren Geschlechterrollen und sozialen Praktiken verknüpft. Durch intertextuelle Bezüge zu ukrainischen Dichtern wie Volodymyr Sosjura, Vasyl’ Holoborod’ko und Vasyl’ Stus wird der Donbas als genuin ukrainischer Kulturraum verankert und einer häufigen „Othering“-Tendenz entgegengewirkt. Der Vortrag präsentierte einen neuen Begriff von “Selfing”, um die dekoloniale Redefinierung des Raumes und die entstehende Agency im Beschreiben der “eigenen” Region zu zeigen. Ausgehend von ökopoetischen und postkolonialen Ansätzen analysierte der Vortrag, wie Iakymchuk Natur und soziale Praktiken beschreibt, um den Donbas als Raum verkörperter, vernetzter und ukrainischer Identität neu zu imaginieren.
„Ukraine in the World“ – Internationale Konferenz in L’viv
Vom 8. bis 10. Juli 2026 fand in Lviv die internationale Konferenz „Ukraine in the World“ statt, die über 250 Wissenschaftler:innen aus 38 Ländern zu einem intensiven Austausch über die Zukunft der UkrainianStudies zusammenführte.
Im Rahmen der Konferenz präsentierten Mariya Donska (Projektleiterin) und Julia Jahn (Doktorandin) gemeinsam das Forschungsprojekt Voices of Resilience: Exploring Agency in Contemporary Slavic Poetry. Anhand einer vergleichenden Analyse von zwei Gedichten wurde die poetische Verarbeitung von Kriegserfahrungen und die Konstruktion von Agency in der bosnischen und ukrainischen Gegenwartslyrik beleuchtet.
Zunächst wurde Bisera Alikadićs Gedicht „I molitva i kletva“ („Sowohl Gebet als auch Fluch“, 1992) diskutiert, das zu Beginn des Bosnienkriegs entstand. Das Gedicht verweigert eine rein passive Opferrolle und verbindet Gebet und Fluch, wodurch die lyrische Stimme sowohl Leid als auch Widerstand artikuliert. Die Struktur des Gedichts, geprägt von Imperativen und direkter Anrede Gottes, verdeutlicht Agency: Die Sprecherin fordert aktives Handeln und benennt den Aggressor in verschiedenen Begriffen, wodurch sie mit semiotischer Agency die Kontrolle über die narrative Deutung zurückgewinnt. Im zweiten Teil des Vortrags wurde ein Gedicht von Halyna Kruk analysiert, einer der führenden ukrainischen Lyrikerinnen aus L‘viv. Auch hier beginnt das Gedicht mit einer Anrufung Gottes und thematisiert die Stimme („голос“) als zentrales Motiv. Die Agency zeigt sich sowohl in praktischen Akten des Widerstands als auch in der performativen Kraft der Sprache. Die Stimme setzt sich für die besonders vom Krieg Beeinträchtigten, die Stimmlosen, ein und betont eine neue Solidarität aller vom Krieg Betroffenen („серце б’ється за кожного“ – „das Herz schlägt / kämpft für jeden“). Die syntaktische Struktur – ein einziger Satz ohne abschließenden Punkt – spiegelt die fortdauernde Unabgeschlossenheit, Offenheit des Geschehens. Das Gedicht performt Agency, indem es der stummen Gemeinschaft eine Stimme gibt und so die semiotische Agency der Subalternen sichtbar macht.
Handlungsfähige Poesie? Projektvorstellung an der Universität Wien
Auf Einladung der Slawistik Wien stellte Mariya Donska, Projektleiterin von Voices of Resilience. Exploring Agency in Contemporary Slavic Poetry, im Hörsaal des Instituts für Osteuropäische Geschichte erste Überlegungen und Ergebnisse des laufenden Forschungsprojekts vor.
Im Zentrum des Vortrags stand die Frage nach Agency in der zeitgenössischen ukrainischen und belarusischen Lyrik. Zunächst wurde der Begriff ‚Agency‘ aus theoretischer Perspektive beleuchtet und seine Anwendbarkeit in der Literaturwissenschaft diskutiert. Im Anschluss präsentierte Mariya Donska exemplarische Analysen ostslawischer Gegenwartslyrik, in denen Agency als zentrales Motiv sichtbar wird. Abschließend wurden auf Basis qualitativer Interviews die Handlungen von Rezipientinnen poetischer Texte sowie weiterer Akteurinnen im literarischen Feld untersucht.
Der Vortrag widmete sich insbesondere den genrespezifischen Potenzialen der Poesie als Medium zur Stärkung (postkolonialer) Agency: Wie wird Handlungsfähigkeit in der Lyrik dargestellt, und inwiefern kann sie durch Poesie selbst wirksam werden?
Poetische Verarbeitung von Trauma: Vortrag von Julia Jahn bei PRO SCIENTIA
Im Rahmen einer interdisziplinären Session bei der Studienstiftung PRO SCIENTIA hielt Julia Jahn, Doktorandin und Mitarbeiterin im Projekt, einen Vortrag zum Thema „Transformation des Schweigens: Poetische Verarbeitung des Traumas sexualisierter Gewalt in Bosnien und der Ukraine“.
In ihrem Vortrag widmete sich Julia Jahn der Frage, wie sexualisierte Gewalt als systematisches Kriegsverbrechen – sowohl im Bosnienkrieg der 1990er Jahre als auch im aktuellen russischen Angriffskrieg auf die Ukraine – literarisch verarbeitet wird. Sie zeigte auf, dass der Frauenkörper in beiden Konflikten zum Austragungsort von Gewalt wird, mit dem Ziel, ganze Gesellschaften zu schwächen und zu demütigen. Diese Taten hinterlassen nicht nur individuelles Leid, sondern auch kollektive Scham und ein tiefgreifendes Trauma.
Im Vortrag wurde zudem thematisiert, wie Agency – im Vortrag verstanden als die Fähigkeit, trotz traumatisierender Erfahrungen selbstbestimmt zu handeln und die eigene Stimme zu erheben – in der Lyrik von Frauen aus Bosnien und der Ukraine literarisch gestaltet wird.
Die Analyse verband Ansätze der Trauma Studies (u.a. Cathy Caruth, Judith Herman) mit postkolonialer Theorie und rückte Agency als zentrales Konzept in den Fokus. Besonders hervorgehoben wurde, wie Lyrik als Medium der Resilienz und Selbstermächtigung fungiert und neue Räume für weibliche Handlungsfähigkeit eröffnet. Der Vortrag stieß auf großes Interesse und führte zu einer lebhaften Diskussion mit den anwesenden Stipendiat:innen verschiedener Fachrichtungen.
Agency in der ukrainischen Gegenwartslyrik: Projektvorstellung auf der BASEES 2026
Am 12. April 2026 präsentierte Projektleiterin Dr. Mariya Donska die ersten Forschungsergebnisse des Projekts „Voices of Resilience“ auf der jährlich stattfindenden Konferenz der British Association for Slavonic and East European Studies (BASEES) an der University of Birmingham.
In ihrem Vortrag stellte Mariya Donska die Bedeutung von Agency in der zeitgenössischen ukrainischen Lyrik in den Mittelpunkt und zeigte auf, wie Poesie in der Ukraine zu einem zentralen Medium der Resilienz geworden ist. Anhand ausgewählter Werke von Mar’jana Savka, Halyna Kruk, Vasyl' Machno und Viktorija Amelina analysierte sie, wie lyrische Texte zwei Arten von Handlungsfähigkeit – praktische und semiotische Agency – inszenieren, die Fähigkeit, eigene Gefühle und Intentionen zum Ausdruck zu bringen (voice) stärken und durch formale Mittel wie Intertextualität oder Sprachwechsel dekoloniale Strategien sichtbar machen.
Ein anschauliches Beispiel hierfür bot auch die Künstlerin Dina Čmuž aus Charkiw, die Gedichte auf Sperrholzplatten zerstörter Häuser schreibt und damit Poesie in den öffentlichen Raum und in den Alltag der Menschen bringt. Donska betonte zudem die Bedeutung poetischer Praktiken im Alltag: In qualitativen Interviews berichteten Befragte, wie das Rezitieren von Gedichten in Krisensituationen Trost und Resilienz stiften kann.
Der Vortrag führte zu einer anregenden Diskussion mit internationalen Fachkolleg*innen.
Solidarität für Studierende, Forschung und Lehre: „Voices of Resilience“ bei der Demonstration gegen Budgetkürzungen in Österreich
Auch die Mitarbeiterinnen des Projekts „Voices of Resilience“ haben am 28. Mai an der Demonstration gegen die geplanten Budgetkürzungen im österreichischen Universitätssystem teilgenommen. Gemeinsam mit tausenden Studierenden, Forschenden und Beschäftigten aller steirischen Universitäten haben wir auf die gravierenden Folgen für Forschung, Lehre und den Wissenschaftsstandort aufmerksam gemacht.
Mit „Voices of Resilience“ möchten wir einen wesentlichen Beitrag zur Sichtbarmachung und zur Bedeutung slawischer Literaturen im Kontext von Widerstand und Resilienz leisten.