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Montag, 14.09.2026

Nachruf - Slobodan Šnajder (1948-2026)

Snajder

Foto: Renate Hansen-Kokoruš

Noch im Februar dieses Jahres, als ich Slobodan Šnajder in Wien traf, wo er als Stipendiat des MuseumsQuartiers Material für den letzten Roman seiner Trilogie sammelte und verarbeitete, war er voller Pläne. Die Übersetzung des gerade erschienenen mittleren Teils, Engel des Verschwindens (Anđeo nestajanja, 2023), stellte er in Wien und Ljubljana sowie bei der Buchmesse in Leipzig vor. Voller Elan schrieb er an dem Roman Maria Leib (so der Titel laut ORF.at), den er vor kurzem bei seinem kroatischen Verlag Fraktura ablieferte und auf dessen Vorstellung bei der Buchmesse Pula im Herbst er sich schon freute. Slobodan Šnajder wird selbst nicht mehr dabei sein: Er verstarb nach einem Autounfall überraschend am 30. August 2026 in Zagreb.

Slobodan Šnajder schloss 1974 sein Studium der Philosophie und Anglistik an der Philosophischen Fakultät der Universität Zagreb ab. Sein Engagement – er schrieb bereits seit 1966 Kurzgeschichten, Essays und Dramen - galt zunächst und hauptsächlich dem Theater. So rief er schon 1968 mit anderen die Zeitschrift Prolog ins Leben und war lange ihr Hauptherausgeber. Seine Dramen Minigolf (1968), Kamov, smrtopis (Kamov, Thanatographie, 1978), Držićev san (Držićs Traum, 1980) und Nevjesta od vjetra (Windsbraut, 2003) wurden an kroatischen Bühnen uraufgeführt: im Gavella-Theater, im Kroatischen Nationaltheater (HNK) und dem Zagreber Jugendtheater (Zagrebačko kazalište mladih), das er von 2001 bis 2004 auch leitete. Von 2004 bis 2013 war er neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit auch als Dramaturg am Zagreber Puppentheater (Zagrebačko kazalište lutaka) tätig.

Slobodan Šnajder war neben Ivo Brešan der produktivste kroatische Dramatiker der letzten Jahrzehnte. Zu seinen wichtigen Dramen gehören u.a. Confiteor (1983), Dumanske tišine (Nonnenhaftes Schweigen, 1986), Draga Tilla (Liebe Tilla, 1991) über Tilla Durieux sowie die Dramen Utjeha sjevernih mora (Der Trost der nödlichen Meere, 1992) und Zmijin svlak (Schlangenhaut, 1994), die Genozid und Massenvergewaltigungen im Krieg der 1990er behandeln und vor allem im Ausland aufgeführt wurden. Gamllet (1987) über Branko Gavellas Hamlet-Inszenierung 1943 in dem durch den kroatischen NS-Satellitenstaat (NDH) besetzten Sarajevo, vor allem aber sein Hrvatski Faust (Der kroatische Faust, 1981) über die politische Rolle des Theaters im faschistischen und später im sozialistischen Staat führten zu heftigen Kontroversen, weil er damit eine kritische Aufarbeitung der kroatischen Geschichte einforderte; kein Zufall, dass das Stück nach ersten Aüfführungen in Kroatien fast ein halbes Jahrhundert verboten war. Zugleich erlangte Šnajders Kroatischer Faust nicht nur Kultstatus (Jergović 05.12.2015), er brachte ihm auch internationale Bekanntheit: 1987 von Roberto Ciulli im Theater
an der Ruhr iszeniert, wurde das Drama als Gastspiel an vielen Bühnen in Deutschland und verschiedenen europäischen Ländern, aber auch in den USA gezeigt; 1988 folgte ein gleichnamiger Fernsehfilm (SAT1) in Ciullis Besetzung. 1993 wurde Der kroatische Faust im Burgtheater unter der Regie von Hans Hollmann gespielt.


War Šnajder schon in den 1980er Jahren unbequem, so wurde der Umgangston im neu gegründeten Kroatien ihm gegenüber deutlich rauer. Die Intendanz des Nationaltheaters Rijeka wurde durch den Kulturminister unterbunden, seine Stücke wurden nicht mehr gespielt. Er ließ sich jedoch nicht einschüchtern, blieb couragiert und verbrachte mehrere Jahre im Ausland, schrieb politische Kolumnen für die Zeitungen Glas Slavonije und ab 1994 für Novi list. Immer stärker wandte er sich der Prosa zu. Nach Morendo (2012) behandelte er 2015 mit Doba mjedi (Die Reparatur der Welt, 2019) das in Jugoslawien tabuisierte Thema der Donauschwaben und verarbeitete darin auch seine persönliche Familiengeschichte. Der 2016 mit dem überregionalen Meša-Selimović-Preis ausgezeichnete Romane wurde dem deutschsprachigen Publikum in der Übersetzung von Mirjana und Klaus Wittmann erstmals 2019 im Literaturhaus Graz vorgestellt. Die Eindrücke von dieser sehr gut besuchten Lesung sind auch heute noch sehr präsent: er beleuchtete bereitwillig Hintergründe des Romans, erläuterte seine Haltung und gab auch auf persönliche Fragen Auskunft. Der Roman beginnt mit einem historischen Setting, der Anwerbung und Ankunft der Donauschwaben um das Jahr 1770 im entvölkerten Slawonien. Wie so oft zeigt Šnajder am Einzelschicksal komplexe Geschichte, und so schildert der Roman aus sehr unterschiedlichen Erzählperspektiven das Schicksal von Georg Kempf, dem Vater des Erzählers, ab den späten 1930er Jahren: Es ist die unglaubliche Geschichte seiner „erzwungen-freiwilligen“ Anmusterung zur SS, seines Desertierens in Polen, der Eingliederung in die Rote Armee und der Rückkehr ins sozialistische Jugoslawien, wo ihn mit der kommunistischen Partisanin Vera und Mutter des Erzählers eine kurze Ehe verbindet. Wie in diesem vielschichtigen Text überprüft der Autor auch im 2023 folgenden Roman der Trilogie, Anđeo nestajanja (Engel des Verschwindens, 2026), die kollektiven Erinnerungsnarrative auf ihren Wahrheitsgehalt und entlarvt sie als Geschichtsmythen, denen die Lebensbiographien seiner Figuren entgegenstehen. In der Geschichte um die fiktive Revolutionärin Anđa Berilo, die sich nicht einmal durch Goli otok beugen noch durch Privilegien bestechen lässt, hinterfragt Šnajder kritisch die sozialistische Utopie Jugoslawien und das Veränderungspotential jedes Revolutionsprojekts, ohne es aber generell in Frage zu stellen. Auch wenn dem noch ein dritter Teil folgen wird, hat er in diesem vielstimmigen Zeitbild bereits sein literarisches Testament zum Projekt Jugoslawien und sein Statement zur zerstörerischen Kraft von Nationalismus und Krieg formuliert.

Mit Slobodan Šnajder hat Kroatien einen seiner ganz großen Autoren verloren, zu dem es eine schwierige Beziehung hatte. Der „uneheliche Sohn Miroslav Krležas“, wie sich der unbeugsame Geist manchmal nannte, brachte unbequeme Themen aufs Tapet, war ein strikter Gegner des Nationalismus und forderte eine kollektive Vergangenheitsbewältigung, die gängige ideologisierte Erzählungen einer kritischer Überprüfung unterziehen und auch Erfolge des utopischen Projekts Jugoslawien würdigen sollte. Mit seiner anspruchsvollen Literatur, seinen Kolumnen und Essays mischte er sich immer wieder in gesellschaftliche Diskurse ein; weit über Kroatien hinaus hinterlässt er eine große Lücke.

Renate Hansen-Kokoruš

Erstellt von Renate Hansen-Kokoruš

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